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Arbeiterklasse heute

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Autor: Dr. Dieter Hillebrenner (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung)

Die Frage nach der Arbeiterklasse in der Gegenwart ist genauso wenig spitzfindig, wie ihre Beantwortung Selbstzweck. Geht es doch angesichts der weltweit dramatisch verschärften gesellschaftlichen Widersprüche im Grunde um die Bestimmung vor allem jener Kräfte, deren Stellung im Reproduktionsprozess sie zum Kampf gegen das Kapital drängt und befähigt.

Durch die komplexe Wirkung vielfältiger Ursachen[1] scheint die Arbeiterklasse (das Proletariat) in den Köpfen vieler Menschen abhanden gekommen. In einem Beitrag des Hamburger Instituts für Sozialforschung ist die vorherrschende Meinung zu lesen: „Bemerkenswerterweise ist die Arbeiterschaft selbst als soziale Klasse und politischer Akteur aus dem Aufmerksamkeitshorizont der gesellschaftlichen …Öffentlichkeit gerückt“.[2] Unter marxistischen Wissenschaftlern gibt es viele, auch kontroverse Diskussionen zur Arbeiterklasse als Subjekt revolutionärer Veränderungen in der Gegenwart. Das betrifft weniger die Frage, ob es überhaupt noch eine Arbeiterklasse gibt, als vielmehr solche Fragen wie: Schrumpft die Arbeiterklasse? Erfasst der Begriff „Arbeiterklasse“ die eingetretenen sozialökonomischen Veränderungen richtig? Erleben wir die Entstehung einer neuen Arbeiterklasse? Wer gehört heute dazu? usw. Marx und Engels verstanden unter der Arbeiterklasse diejenige Klasse der Gesellschaft, welche ihren Lebensunterhalt einzig und allein aus dem Verkauf ihrer Arbeit und nicht aus dem Profit irgendeines Kapitals zieht; deren Wohl und Wehe, deren Leben und Tod, deren Existenz von der Nachfrage nach Arbeit, also von dem Wechsel der guten und schlechten Geschäftszeiten, von den Schwankungen einer zügellosen Konkurrenz abhängt.[3] Das waren die städtischen Arbeiter, überhaupt die Fabrikarbeiter, die Industriearbeiter, die imstande sind, die ganze Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten zu führen im Kampf für den Sturz der Macht des Kapitals.[4]  Diese Fähigkeit erwuchs aus der Situation der Fabrikarbeiter in der Stadt und in der Industrie, die die für den Klassenkampf erforderliche Organisation, Disziplin und Ausdauer wesentlich prägte.

Die Hoffnung von Marx und Engels, es werde zu einer Vereinheitlichung der Arbeiterklasse kommen, was ihrer Organisierung und ihrem Kampf nützlich wäre, hat sich nicht erfüllt.[5] Das Gegenteil trat ein: eine sich national und international ständig vertiefende und vergrößernde Differenzierung der Arbeiterklasse. Das war und ist eine Folge der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung, verstärkt durch die zielgerichtete Spaltung der Arbeiterklasse durch das Kapital und dessen Staat (Stichwort Arbeitsmarktpolitik). Mit der seit den 1970er Jahren einsetzenden mikroelektronischen Revolution vollzieht sich eine atemberaubende Entwicklung der technologischen Produktivkräfte. In der BRD lag die jährliche Produktivitätssteigerung in den siebziger und achtziger Jahren zwischen 2,3 und 3,9 Prozent, in den 90er Jahren bis 2006 zwischen 3,2 und 4,1 Prozent. Der historisch beispiellosen Steigerung technologischer Produktivkräfte steht die Zerstörung massenhafter Potentiale menschlicher Produktivkraft gegenüber.[6] Der mit der Produktivkraftentwicklung verbundene, einschneidende Wandel in der Struktur der Arbeiterklasse und die verheerenden Wirkungen für deren Arbeits- und Lebensbedingungen werden an drei Entwicklungen deutlich:

Erstens. Die Zahl der im produzierenden Gewerbe Beschäftigten (Bergbau, Industrie, Energie- und Wasserversorgung, Baugewerbe) ist rückläufig. Ihr Anteil an den Gesamtbeschäftigten in der BRD sank zwischen 1991 und 2006 von 29 auf 20 Prozent. Dieser Rückgang betrifft vor allem die in der industriellen Großproduktion Beschäftigten, den mehrwertproduzierenden Kern der Arbeiterklasse. Der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts einsetzende Übergang zur weitgehenden Automatisierung der Produktionsprozesse bewirkt zugleich das Entstehen einer lohnabhängigen Schicht, deren Angehörige Leitungsaufgaben im Produktionsprozess wahrnehmen. Zu seiner Zeit sprach Marx von einem numerisch unbedeutenden Personal, das mit der Kontrolle der gesamten Maschinerie und ihrer beständigen Reparatur beschäftigt ist, wie Ingenieure, Mechaniker, Schreiner usw. Es ist eine höhere, teils wissenschaftlich gebildete, teils handwerksmäßige Arbeiterklasse, außerhalb des Kreises der Fabrikarbeiter und ihnen nur aggregiert.[7] Das einst numerisch unbedeutende Personal hat sich bis heute nicht nur zahlenmäßig enorm vergrößert. Es wurde vom aggregierten zum integralen Bestandteil der Betriebsbelegschaften (hochspezialisierte Facharbeiter, Informatiker, Programmierer, Infotechniker u.a.m.). Anders als z. B. Fließbandarbeiter, Kumpel unter Tage oder Hochöfner empfinden diese Lohnarbeiter ihre Tätigkeit als „selbstbestimmt“, als Teil ihrer „Selbstverwirklichung“. Sie betrachten sich als Angehörige einer Mittelschicht, nicht der Arbeiterklasse. Die Verringerung des Anteils der in der Industrie Beschäftigten geht einher mit einer zielstrebig organisierten Umschichtung und Differenzierung innerhalb der Belegschaften durch das Kapital. Es erfolgt eine Trennung nach Kern- und Randbelegschaften. Die Stammbelegschaften werden „ausgedünnt“ und ergänzt durch Teilzeitbeschäftigte und Leiharbeiter in extrem belastenden, niedrig entlohnten und sozial unsicheren Arbeitsverhältnissen. In vielen Konzernen ist bereits jeder dritte Beschäftigte ein Leiharbeiter. Fünfzig Prozent aller 2007 angeblich neu geschaffenen Arbeitsplätze entstanden bei Leiharbeitsfirmen.[8] Im gleichen Jahr wies die Struktur der Leiharbeiter folgendes aus: 59 Prozent waren Hilfsarbeiter, 11 Prozent Facharbeiter/Meister, 23 Prozent Angestellte mit qualifizierten Tätigkeiten, 5 Prozent Hochqualifizierte/Führungskräfte und 2 Prozent Auszubildende. Die Revolutionierung des Produktionsprozesses auf kapitalistischer Grundlage ist begleitet von der Aussortierung lebendiger Arbeit. Das Ergebnis sind Niedriglohn- und Teilzeitarbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, unbezahlte Praktika, Scheinselbstständigkeit u. a. Es entstehen massenhaft unsichere (prekäre) Arbeitsverhältnisse. Massenarbeitslosigkeit wurde zu einer zyklenunkabhängigen Dauererscheinung. Dramatisch stieg die Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit.

Zweitens. Im Unterschied zum produzierenden Gewerbe vollzieht sich ein rasches Anwachsen der Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungssektor(Handel und Gastgewerbe, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Grundstücks- und Wohnungswesen, Kredit- und Versicherungsgewerbe, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen und andere öffentliche und private Dienstleistungen). Deren Anteil an den Gesamtbeschäftigten erhöhte sich von 1991 bis 2006 von 60 auf 72 Prozent. Diese zahlenmäßigen Veränderungen sind Ausdruck von Verschiebungen im Anteil von produktiver und unproduktiver Arbeit, die für die Charakterisierung der Arbeiterklasse von heute bedeutsam sind. Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses erweitert sich der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv tätig zu sein, ist es heute nicht mehr notwendig, selbst Hand am Produkt anzulegen. Es genügt, „Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen“.[9] Tiefgreifende Veränderungen in der Kommunikation und Logistik gestatten heute die „Auslagerung“ von Arbeit aus dem produktiven Bereich. Es erfolgt „eine partielle Entgrenzung und Auflösung der Fabrik als Produktionsort“.[10] Gleichzeitig werden geringere Löhne gezahlt und der Leistungsdruck erhöht. Die Zahl der freiberuflich Tätigen, der formell Selbstständigen und Heimarbeiter wächst und mit ihnen ihre soziale Unsicherheit. Unter den Empfängern von Hartz-IV-Leistungen befanden sich Ende 2008 rund 115.000 Selbstständige. Umgekehrt schrumpft das Personal in traditionellen Bereichen. Seit 1991 baute die Bundesbahn über 275.000 und die Post 140.000 Arbeitsplätze ab. Mit der Privatisierung öffentlicher Einrichtungen im Gesundheits-, Wohnungs-, Verkehrs- und Bildungswesen werden die für das Kapital unproduktiv Beschäftigten in mehrwertproduzierende Arbeiter und Angestellte verwandelt. Bund, Länder und Gemeinden zahlen vielen ihrer Beschäftigten so niedrige Gehälter, dass diese zusätzlich Hartz-IV-Leistungen benötigen. Das betraf 2007 sogar 33.000 Lehrer und Erzieher.[11] Tendenziell gleicht sich die Lage der Arbeiter, Angestellten, niederen Beamten und Selbstständigen im Dienstleistungssektor der der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe an.

Drittens. In der gewerblichen Wirtschaft und im Dienstleistungsbereich vollzieht sich ein Prozess des sozialen Niedergangs und einer sich ausweitenden Verunsicherung. Es wächst die Zahl der gering bezahlten und sozial ungenügend gesicherten Arbeitsplätze, die nicht mehr den Lebensunterhalt gewährleisten. Betroffen sind Millionen Erwerbsfähige. Seit einigen Jahren werden dafür die Signalwärter Prekarität und Prekariat benutzt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezeichnet als Prekarier „jene, die aufgrund ihres Erwerbsstatus nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Gestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind“.[12] Prekariat erzeugte der Kapitalismus schon immer. Marx sprach vom „offiziellen Pauperismus“ und bezeichnete damit zwei Gruppen: Die „Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee“.[13]  In der Gegenwart sind es die erwerbstätigen Armen, die armen Erwerbslosen, die vom Kapital nicht mehr benötigten Arbeitskraftverkäufer – die Überflüssigen! Neu ist dabei, dass dieser Pauperismus in allen Wirtschaftszweigen eine mannigfaltige Erscheinung darstellt. Der Anteil prekär Beschäftigter an den Gesamtbeschäftigten erhöhte sich in der BRD von 1994 etwa 32 Prozent bis 2005 auf 48 Prozent.[14] Prekäre Beschäftigung ist eine der wichtigsten Kapitalstrategien, um die Arbeit von der gutbezahlten, über die schlechtbezahlten zur unterbezahlten Arbeit hin umzuverteilen. Das ist keine kurzzeitige Strategie, sondern die aus der Sicht des Kapitals konsequente und notwendige Weiterentwicklung der Kapitalverwertungsform.[15] Den Unterschied zwischen Prekarier und Proletarier sehen bürgerliche Soziologen darin, dass den erstgenannten politisch nichts zuzutrauen sei. „Während das Proletariat als soziale Klasse mit allerlei Heilerwartungen oder politischen Verbesserungsphantasien befrachtet wurde, eignet sich das Prekariat heute eher als neue Projektionsfläche politischer Ressentiments und sozialer Resignation“.[16] Hier wird ein Zustand beschrieben, wie ihn die breite Öffentlichkeit aufnimmt.

Doch von den Monopolmedien unbeachtet, vermittelten die 2004 spontan entstandenen Montags-Demonstrationen in rund 200 Städten der BRD einen völlig anderen Eindruck. Es waren Arbeitslose und Hartz-IV-Opfer, die vier Jahre lang, Montag für Montag ihren Protest gegen Deklassierung, Ausgrenzung, Verarmung und Demütigung öffentlich machten. Denn die Chance, ihre Arbeitskraft durch Streik zu verweigern, haben sie nicht mehr. Sie ist bereits unverkäuflich geworden. Doch die Proteste blieben ein Strohfeuer, weil vor allem die Unterstützung durch Gewerkschaften und Betriebsbelegschaften fehlte. Es gibt die Auffassung, in den besonders sozial Verunsicherten und Ausgegrenzten die neue revolutionäre Kraft, das Subjekt zur Lösung gesellschaftlicher Widersprüche zu sehen. Dem steht entgegen, dass trotz Schrumpfung, die in der materiellen Produktion Beschäftigten ihre zentrale Funktion als Kern der Lohnabhängigen behalten, weil sie auch heute noch über die besten, da wirkungsvollsten Möglichkeiten zum Widerstand gegen das Kapital verfügen.[17] Gegenwärtig sind in der BRD fast 90 Prozent der etwa 40 Millionen Erwerbstätige „bloße Eigentümer von Arbeitskraft“ (Marx). Sie weisen das gleiche, grundlegende und damit bestimmende Klassenmerkmal auf: Sie besitzen kein Eigentum an Produktionsmitteln. Ihr ökonomischer Gegensatz zum Kapital verschärft sich. In dieser Beziehung sind sie homogen. Sozialstrukturelle Unterschiede sind lediglich Ergebnisse „interner“ Umwandlungen innerhalb der durch Klassenspaltung definierten Gesellschaft.[18]

Doch das Antlitz der Lohnarbeiter hat sich verändert. Das Wesen der proletarischen Existenz äußert sich in einer außerordentlich vergrößerten Vielfalt. Durch die Spaltungs-, Ausgrenzungs- und Verarmungstendenzen sind innerhalb der Arbeiterklasse auch neue Trennlinien entstanden. Die permanente Gefahr sozialen Abstiegs erzwingt extreme Leistungsbereitschaft und Flexibilität, erhöht den Konkurrenzdruck zwischen Arbeitern und Angestellten und verstärkt die Suche nach individuellen Notlösungen. Sie sind zu weitgehenden Zugeständnissen an das Kapital bereit. Es wird immer schwieriger, die gemeinsamen, die grundlegenden Klassenmerkmale, -interessen und -bedürfnisse zu erfassen und die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns zu vermitteln. Das macht die politische Klassenbildung so problematisch und langwierig. Es bedarf eines Lernprozesses durch Teilnahme an den Abwehrkämpfen, die den Lohnabhängigen tagtäglich aufgezwungen werden. Hochaktuell ist und bleibt die Aufgabe, die politisch-ideologische Blockade für die Revitalisierung von Klassenbewusstsein und Klassenhandeln aufzubrechen. In diesem Zusammenhang sollte auch die Frage beantwortet werden, inwieweit historische Erfahrungen der Arbeiterbildung heute noch von Nutzen sind.

Quelle: „Sächsischer Freidenker“, Nr. 35, Aug. 2009


[1] Genannt seien vor allem die Niederlage des europäischen Sozialismus, die vielfältigen Veränderungen in der Klassen- und Sozialstruktur der imperialistischen Metropolen, die Tatsache, dass der Klassenkampf von oben auf keinen nennenswerten Klassenwiderstand von unten stößt und das Wirken der Monopolmedien.
[2] Aus Politik und Zeitgeschichte, 33-34/2008, S.13
[3] Siehe Marx-Engels, Werke, Bd.4, S.363
[4] Siehe Lenin, Werke, Bd.29, S.409.
[5] Siehe „Zweifel am Proletariat – Wiederkehr der Proletarität“, Neue Impulse Verlag, S. 61
[6] Umbau der Klassengesellschaft, Neue Impulse Verlag, S. 103
[7] Marx-Engels, Werke, Bd.23, S.443
[8] Siehe Unsere Zeit, 5. September 2008
[9] Marx-Engels, Werke, Bd.23, S.531
[10] Topos, Sonderheft 1, 2005, S.35
[11] Siehe Neues Deutschland, 15./16. März 2008
[12] Aus Politik und Zeitgeschichte, a. a. O
[13] Marx-Engels, Werke, Bd.23, S. 673 f.
[14] Siehe Neues Deutschland, 14. März 2008
[15] Siehe lunapark, 3/2008, S.23
[16] Aus Politik und Zeitgeschichte, a. a. O., S. 14
[17] Siehe Marxistische Blätter, 3-09, S. 1
[18] Siehe Hans Heinz Holz: Kommunisten heute, Neue Impulse Verlag 1995, S.87.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 29. April 2013 um 10:06 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein, Weltanschauliches abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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