Mitgliedergruppe Dresden

Wortmeldung zu: „Die Richtigstellung der Begriffe“

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Autor: Peter Andreas Schöbel

Unser Verband hat sich beim letzten Verbandstag die Aufgabe gestellt, die Richtigstellung wichtiger Begriffe voranzubringen. Ohne Frage, das ist eine notwendige Aufgabe der Aufklärung. Und der Verbandsvorstand hat nun den von ihm selbst initiierten Beschluss verwirklicht, in dem es im Freidenker 4/12 ein Dokument zur Richtigstellung der Begriffe herausgebracht hat. In diesem Dokument heißt es:

„Deshalb bedeutet Aufklärung für Freidenkerinnen und Freidenker auch, gemäß der berühmten Lehre des chinesischen Weisheitslehrers Konfuzius zu verfahren:
Dsï Lu sprach: »Der Fürst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?« Der Meister sprach: »Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe.«“[1]

Begriffe sind Grundpfeiler jeder Weltanschauung

Offensichtlich wollte auch der vor mehr als 2500 Jahre lebende Lehrmeister Kong Begriffsklarheit. Begriffsklärungen können nach meiner Erfahrung im Rahmen sehr unterschiedlichen Denkrichtungen erfolgen. Zu welchem Zweck, in welchen Kontext aber wollte Konfuzius „die Begriffe klarstellen“? Lesen wir an der vom Bundesvorstand zitierten Stelle weiter:

„Dsï Lu sprach: »Darum sollte es sich handeln? Da hat der Meister weit gefehlt! Warum denn deren Richtigstellung?« Der Meister sprach: »Wie roh du bist, Yu! Der Edle läßt das, was er nicht versteht, sozusagen beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgendetwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.«[2]

Begriffsklarheit ist wichtig für richtige Taten. Dem kann man sicher vorbehaltlos folgen. Was aber ist das mit dem „Strafen“ und dem Ausrichten des Volkes? Überhaupt geht es in dem Buch XIII der   „Gespräche“ mit dem Buchtitel „Staatsregierung“, aus dessen dritten Kapitel die Zitate entnommen sind, um richtiges Regieren in einem sehr hierarchischen System. In diesem System wird vom Untertanen absoluter Gehorsam gefordert. Meister Kong wusste, dass kluges Denken die Voraussetzung für effektive Herrschaft ist. Nichts da also mit allgemeiner Aufklärung. Um Herrschaftswissen ging es in diesem Buch. Und richtiges Wissen ist eine wichtige Herrschaftsgrundlage. Auch das lässt sich mitnehmen.

Aber das wissen nicht nur wir. Auf der Internetseite, auf der ich die entsprechenden Zitate nachgeschlagen habe, wurde auch ein Buch aus dem Jahre 2006 mit dem Titel „Richtigstellung“ angepriesen. Im Werbetext dazu heißt es:

„Die deutsche politisch korrekte ‚Neusprache‘ strotzt vor Euphemismen und offensichtlichen Tatsachenverdrehungen – hierfür gibt Beispiele zuhauf: Freiheit als Abwesenheit von Zwang wird zur ‚positiven Freiheit‘ im Sinne von sozialer Sicherheit oder Versorgung …“ [3]

Bis hierher hört sich das Ganze ja noch recht possierlich an. Aber lesen weiter hinten im Werbetext:

„… Dieses sozialpolemische Lexikon mit über 300 Einträgen, … erhebt erst gar nicht den Anspruch ‚objektiv‘ im Sinne von wertfrei zu sein; es sieht sich vielmehr als Aufforderung, für eine Rückführung des Staates auf ein unumgängliches Minimum einzutreten und versteht sich damit vor allem auch als antibürokratisches Lexikon. Im Zusammenhang gelesen, stellt es nichts  weniger als eine Einführung in die Schule des freiheitlichen Denkens dar.“ [4]

Wer hier nicht eine neoliberale Philosophie läuten hört, ist eventuell schwerhörig. Übrigens handelt es sich bei dem Autor des Buches um Gerd Habermann, Wirtschaftsphilosoph und seit 2003 Honorarprofessor an der Universität Potsdam sowie Initiator und Mitgründer der „Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft“ und der „Friedrich-August von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft“. Und Hayek eben war einer der wichtigsten Vertreter des Neoliberalismus.

Solche Vorstöße neoliberaler Ideologie gibt es viele. In Deutschland zum Beispiel agiert ein „Liberales Netzwerk“ zu dessen Kuratoriumsmitgliedern auch sehr lange ein Herr Gauck[5] zählte, bis er sich erneut beruflich veränderte. Mitglieder[6] dieses Netzwerkes haben übrigens auch die Lesungen eines Herrn Tilo Sarrazin befördert. Und auf Ihren Internetseiten findet sich eine Vielzahl solcher Ausdeutungen der Begriffswelt. So wird zum Beispiel ein solidarisches Versicherungssystem als Gängelung der Bürger denunziert und die Vertragsfreiheit hochleben gelassen. Hier einige Ergüsse dazu von Herrn Carlos A. Gebauer (Rechtsanwalt und zeitweise auch beim RTL im Rahmen jener Sendungen zu sehen, unter der der Warnhinweis stehen sollte: „Vorsicht, der dauerhafte Konsum dieser Sendungen kann zur totalen Verblödung führen“):

„In der gesetzlichen Krankenversicherung finden wir zunächst dieselben Mechanismen wie im Steuerrecht: Es ist kompliziert. Es ist unverständlich. Es muß ständig geändert werden. Aber es dient – vermeintlich – dem Allgemeinwohl. Die – noch immer – überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt an die Richtigkeit dieser Sätze. …

… Worum geht es im Kern? Gesundheit, hören wir immer wieder, sei keine Ware. Sie dürfe nicht zu einem Geschäft verkommen. Weil jeder Mensch, egal ob reich oder arm, nur ein Leben und einen Körper habe, müsse hier absolute Gleichheit herrschen. Jeder habe denselben Anspruch auf medizinische Versorgung und Behandlung. Deswegen müssten – heißt es ideologiekonform – individuell-differenzierende, private Verträge aus diesem Bereich gänzlich eliminiert werden. Gesundheitsvorsorge sei also geradezu die elementarste Form der staatlichen Daseinsvorsorge. Nur staatlicher Zwang sichere die gerechte Teilhabe auch der Armen am medizinischen Fortschritt. …

… Immer dann, wenn das Gesetz Menschen verbietet, freiwillig Verträge miteinander abschließen zu dürfen, verhindert das Gesetz, daß diese möglichen Vertragspartner sinnvoll und angemessen miteinander kooperieren, um ein jeder für sich durch diesen Vertrag „reicher“ zu werden. Denn wie wir gesehen haben, dienen und nützen alle Verträge stets beiden Vertragsparteien. Zwingt man Menschen aber, einen Krankenversicherungsvertrag nicht abzuschließen und stattdessen eine gesetzlich geregelte Kassenlösung zu akzeptieren, dann hebelt man genau diesen beiderseitigen Gewinnmechanismus aus.[7]

Schön hergeleitet, nicht wahr? Auch die für uns als Bundespräsident ausgewählte Persönlichkeit vertritt ja einen Freiheitsbegriff, der staatliche Fürsorge als Entmündigung begreift.

Ohne weiter darauf eingehen zu wollen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Sache mit neoliberalen Grundbegriffen noch viel komplizierter ist. So sind auch etliche Vertreter neoliberalen Denkens zugleich Anhänger direkter Demokratie und wollen den Parteieneinfluss zurück drängen.

Bis hierher können wir aber konstatieren: Klarstellung der Begriffe wird von jeder philosophischen und politischen Schule als Aufgabe von äußerster Wichtigkeit verstanden. Dabei sind die Ergebnisse selbstredend äußerst gegensätzlicher Natur. Begriffe bringen das eigne Weltverständnis zum Ausdruck.

Gleiche Worte stehen nicht immer für gleiche Begriffe, die Begriffe verstecken sich hinter den Worten

Nun sollte man allerdings nicht Wort (Namen) und Begriffe verwechseln. Begriffe sind nach materialistischer Sicht die ideellen Widerspiegelungen von Objekten, in der Regel sogar von Objektklassen. Sie existieren also nur in unserem Kopf. Durch Worte versuchen wir diese Begriffe für andere bedeutsam zu machen. Das kann zu kuriosen Problemen führen, da hinter gleichen Worten durchaus unterschiedliche Begriffe stehen können.

Dies ist mit vor Jahren in einer privaten Diskussion widerfahren: Wir diskutierten den Begriff „Ellbogengesellschaft“ und die Frage, ob wir in einer solchen leben. Beide lehnte wir zwar eine solche Gesellschaft ab, waren uns aber ansonsten höchst uneins. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass wir unter dem Wort „Ellbogengesellschaft“ ganz unterschiedliche Begriffe gefasst hatten. Ich verstand darunter eine Gesellschaft, in der eine Oberschicht ihre nicht durch eigene Arbeit erworbene Macht und Position gnadenlos hält und ausnutzt, und dazu nicht selten auch zu miesen Tricks greift. Mein Gegenüber verstand darunter eine Gesellschaft, in der die „Leistungsfähigen und Erfolgreichen“ nicht genügend fürsorglich zu „Versagern und Schwachen“ seien. Mein Gegenüber sah die Position der Herrschaftsschicht als persönliches Verdienst, ich als eine überwiegend ererbte und erkaufte, keinesfalls aber als erarbeitete soziale Rolle. Mein Gegenüber hatte einfach die bürgerliche Position von der Rolle der Persönlichkeit in der Gesellschaft vertreten, die da lautet: „Jeder hat die gleichen Möglichkeiten und jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“. Ich dagegen vertrat einen sehr anderen Begriff von der Rolle und den Möglichkeiten des Menschen in dieser Gesellschaft, wie sie einmal von Dittrich Kittner satirisch dargestellt wurde:

„Es war einmal ein Mann, der war durch eigene Hände Arbeit zu großen Reichtum und Wohlstand gekommen. – Und morgen erzähle ich Euch ein anderes Märchen.“

Soziale Begriffe widerspiegeln auch die Position ihres Trägers

Nun wäre es natürlich viel zu kurz gesprungen, allein von Lüge und Manipulation auszugehen, wenn man auf uns entgegengesetzten Begriffsklärungen trifft. Und bei einer Reihe von linken Schriften werde ich den Verdacht nicht los, dass deren Autoren genau dieser kurzschlüssigen Idee folgen. Es ist viel schlimmer: Die Vertreter neoliberaler Sicht glauben vielfach, was sie sagen. Sicher, bei Auseinandersetzungen um gesellschaftlich relevante Themen kann man oft tendenziöse „Informationskorrekturen“, Lüge und Manipulation beobachten. Nicht selten habe ich bemerkt, dass in dem Moment, wo Diskutanten die Gegensätzlichkeit ihrer Positionen begreifen, jede Sachlichkeit verlorengeht und absolute Rechthaberei mit den Methoden Schopenhauers „Eristischer Dialektik“ um sich greift („Eristik wäre demnach die Lehre vom Verfahren der dem Menschen natürlichen Rechthaberei …“[8]).

Grundlage aller Argumentationen, selbst der hochmanipulativen und verlogenen, sind aber stets die tief im Denken verankerten weltanschaulichen Grundpositionen und diese wiederrum sind Ausdruck der persönlichen Position in der Gesellschaft. Die hinter den Worten steckenden Begrifflichkeiten spiegeln nicht nur die Objekte der Realität wieder, sondern auch die Position ihres Trägers und seine praktische Position zu den Objekten. Und bei sozial relevanten Begriffen ist das eminent.

In der Begriffswelt eines Mitglieds der politischen und ökonomischen Oberklasse kann dessen gehobene Position gar nichts anderes sein als eine verdiente, zustehende Position. Solchen Personen ist es selbstredend völlig unverständlich, dass sich die Mehrheit der Menschheit nicht in solchen komfortablen Positionen befindet. Soziale Begriffe sind nicht unabhängig vom Erkenntnissubjekt, von Klassen-, und Schichtenzugehörigkeiten. An die Wirklichkeit nähern wir uns in der praktischen, in Gesellschaft stattfindender Tätigkeit an und nicht nur abstrakt betrachtend und anschauend. Weltanschauung, „Welt anschauen“, ist immer ein höchst praktischer und nicht nur ein rein rezeptiver Vorgang. Und wo die Positionen im gesellschaftlichen Lebensprozess höchst unterschiedlich, ja antagonistisch sind, können die gewonnenen Begriffe nicht allgemein anerkannt, sondern höchstens dominant sein. Wertfreie Begriffe gibt es im sozialen Bereich nicht. Es ist ganz klar: eine Hungernder und ein Gourmet, der sich gerade mal wieder überfressen hat, haben vom gleichen vor Ihnen stehenden Kraut-Eintopf einen ganz anderen Begriff: Königliches Mahl versus Fraß. Für einen Vermieter fällt der Kündigungsschutz in die begriffliche Kategorie der einengenden Verpflichtungen, für den Mieter aber in den Bereich Sicherheit garantierender sozialer Rechte.

In eingangs erwähnten Dokument des Bundesvorstandes wird uns nun eine Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Begriffswelt zu den Begriffen „Internationalismus“, „Menschenrechte“, „Völkerrecht und Frieden“, „Rechtstaat und Demokratie“, „Freiheit, Gleichheit, Solidarität“, „Zivilgesellschaft“ und „Geschichte, Erbe und Wahrheit“ vorgelegt. Den Aussagen zu diesen Bereichen kann man in der Mehrheit folgen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, im Rahmen der Auseinandersetzung in viel stärkerem Maße die hinter den Argumenten steckenden tatsächlichen Begrifflichkeiten heraus-seziert wird.

Ich möchte das kurz an einem Beispiel darstellen. Im Dokument heißt es:

„Wenn seitens der Herrschenden von Menschenrechten die Rede ist, geht es vor allem darum, die Gesetze der kapitalistischen Marktwirtschaft als ein Himmel ewiger Werte in den Köpfen der Menschen zu verankern.“[9]

Diesen Satz wird sicher jeder einigermaßen sozialistisch gebildete Mensch unterschreiben können. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Dieser Satz kann leicht zu der Ansicht führen, dass die staatliche Auffassung von Menschenrechten eine bewusste Fälschung ist und deren Vertreter genau wissen, dass diese Auffassung für die Mehrheit der Menschen nachteilig ist. Dem ist aber nicht so. Die Herrschenden sind tatsächlich überzeugt, dass ihre Regeln die besten der Welt sind. Schließlich wurden sie in ihren Augen genau durch diese Regeln in ihre Position gehievt. Wie sollte jemand, der tagtäglich das von Papi ererbte Geld mehrt, auf die Idee kommen, dass die Fähigkeit zur Mehrung des Vermögens nicht
in erster Linie mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten zu tun hat, sondern in erster Linie mit dem ererbten Vermögen (und erst in zweiter Linie mit seinen Fähigkeiten). Der Begriff „notwendiges Kapitalminimum“ muss dem Stammhalter einer Unternehmerkaste notwendig fremd sein. Und also können die Regeln dieser Gesellschaft, die ihnen ihr Verhalten ermöglicht, nur gut sein. Und demzufolge müssen diese Regeln überall durchgesetzt werden. Das ist die „Denke“ der Herrschenden.

In Bezug auf politische Positionen kann man gleiches beobachten. Auch hier kommt kaum ein Parteipolitiker, auch nur wenige Linke, auf die Idee, das Auf und Ab der Wählerstimmen auf das Auf und Ab der soziale Position ihrer Partei unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen. Für alle Parteien ist es das Wichtigste, „richtig rüber zu kommen“, bestenfalls bessere Wahlprogramme zu schreiben. Folglich unterscheiden sich auch hier die Vorstellungen der verschiedenen Richtungen hinsichtlich demokratischer Rechte und Formalien im Rahmen der Menschenrechte nicht sonderlich. Ja hinsichtlich „direkter Demokratie“ bewegt man sich sogar in der Nähe neoliberaler Ideen. Und man vergisst, dass die Schweiz mit der umfassendsten direkten Demokratie in Europa auch zugleich das konservativste Land ist. Die Ursache hierfür liegt darin, dass parlamentarische Tätigkeit auch linke Politiker zu einem bürgerlichen Menschenbild verführt, dass Friedrich Engels so beschrieb:

„Wie im modernen Staat vorausgesetzt wird, daß jeder Staatsbürger urteilsreif ist über alle Fragen, über die er abzustimmen hat; wie in der Ökonomie annimmt, daß jeder Konsument gründlicher Kenner aller Waren ist, die er zu seinem Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt – so soll es nun auch in der Wissenschaft gehalten werden. Freiheit der Wissenschaft heißt, daß man über alles schreibt, was man nicht gelernt hat, und dies für die einzige streng wissenschaftliche Methode ausgibt.“[10]

Führende Linke haben noch viel zu tun, um sich vom bürgerlichen Menschenbild in allen wesentlichen Punkten zu befreien. Bisher ist ihnen das nur sehr partiell gelungen. Und rascher Eintritt in die parlamentarische Tätigkeit ist hier eher hinderlich als hilfreich.

Und genau das bürgerliche Menschenbild kommt zum Vorschein, wenn man die Hierarchie der Einzelrechte in den Menschenrechten seziert. Unsererseits dürften die wichtigsten Rechte, die auf Leben, Arbeit und ausreichende Bezahlung sein. Genau diese Rechte sind aber bei den Herrschenden der „Gottseibeiuns“. Für sie wieder sind die Formalien der Demokratie die wichtigsten. Also bei Wahlen: Aufstellung der Kandidaten in der Regel nur durch große Parteien, ggf. hohe Hürden für andere Gruppen und für Parteien neben dem Mainstream, Ungebundenheit der Gewählten (nur ihrem Gewissen verpflichtet, keine Rechenschaftspflicht, keine gebundenen Mandate, keine Abwählbarkeit). All das sind „Rechte“, die den Einfluss der Wohlhabenden auf die Politik sichern und die Organisationen des „Pöbels“ von der politischen Einflussnahme ausgrenzen.

Zu den Beherrschten zu zählen führt nicht zwangsläufig zu richtigem Denken

Wir sollten also im Rahmen der Auseinandersetzung die bürgerlichen Begrifflichkeiten weniger als Verfälschungen darstellen, sondern vielmehr als Ausdruck antagonistischer, ökonomisch bedingter Positionen. Die der Wirklichkeit nicht adäquaten Begriffe neoliberaler Weltanschauung resultiert zwangsläufig aus der deren ökonomischer Herrschaftsposition in einer degenerierenden Gesellschaft.

Wir sollten uns allerdings davor hüten, dass allein die Position als „Beherrschter“ schon ausreicht, um zu Begriffen zu kommen, die die Wirklichkeit adäquat widerspiegeln. Unser Bundesvorstand hat sich hier selbst in dem genannten Freidenker einen Ausrutscher geleistet.

An vielen Stellen ist da die Rede von der „Kultur der Beherrschten“

„In der Kultur der Beherrschten hat die Einforderung von elementaren staatsbürgerlichen Rechten …“[11]

„Die Kultur der Beherrschten verteidigt das humanistische Menschenbild der Neuzeit.“[12]

Nun sind diese Sätze zweifelsfrei von einem hohen humanistischen Geist geprägt. Aber ich bezweifle, dass der Begriff der „Kultur der Beherrschten“ wirkliche eine reale Entsprechung hat, dass es so etwas überhaupt gibt. Offensichtlich verwechselt unser Bundesvorstand hier „linke Aktivisten“ mit „Beherrschten“. „Beherrschte“, das umfasst doch sehr viele gesellschaftliche Schichten: kleine Freiberufler, Arbeiter, Angestellte, leitende Angestellte, Bauern, Arbeitslose, Langzeitarbeitslose, Kinder, ja sogar die Fußtruppen der Neonazis. Neonazis reagieren auf ihr Beherrschtsein damit, Leute zu finden, die unter ihnen stehen und über die sie herrschen können, also grundbürgerlich. Es dürfte klar sein, dass es hier keine gemeinsame Kultur gibt. Es gibt also nichts, was den Namen „Kultur der Beherrschten“ verdienen würde. Bestenfalls es damit also eine linke Kultur gemeint. Aber auch hier sind die Gemeinsamkeiten leider sehr gering. Das ist ja gerade der Jammer, dass kapitalistische Ökonomie „divide et impera“ befördert und neoliberale Politik das mit Vehemenz erfolgreich betreibt. Man schaue sich nur an, wie schwer die Kooperation verschiedener linker Gruppen und wie kompliziert ihr innerer Zusammenhalt ist. Ich denke da nur an unsere eigenen Kooperationsversuche.

Die Verwendung des Begriffs „Kultur der Beherrschten“ zeugt zwar von einer hochanständigen Haltung, aber auch leider davon, dass unsere Vorstandsmitglieder die tatsächliche Struktur dieser Gesellschaft, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig erfahren, erlebt bzw. verarbeitet haben.

Begriffe werden nicht erdacht, sondern erarbeitet

Materialistische Begriffsbildung ist also gar nicht so einfach. Es setzt viel voraus: Lebensposition, Wissen, praktische Arbeit, soziales Umfeld. Und damit komme ich wieder auf Lehrmeister Kong zurück. Warum zitieren heute viele Leute Konfuzius und beschäftigen sich mit seinen Weisheiten? Ganz einfach: weil China in den letzten Jahrzehnten zur Weltmacht, mehr noch zur dynamischsten Macht der Welt geworden ist und keine vernünftiger Mensch an diesem Lande mehr vorbei kommt, ohne einen Blick auf dessen Wirtschaft, Kultur und Geschichte zu werfen. Weltanschauliche Bildung setzt auch voraus, geistig bewusst mitten im Leben zu stehen.

Aufklärung und Begriffsklärung sollten daher auch für uns nicht in erster Line eine Aufgabe für Belehrungen sein, sondern eine Aufgabe zur Organisation von Bildung und Kultur. Aufklärung ist Mittun, Mitdiskutieren, Mitorganisieren, z. B. auch in unseren Mitgliedergruppen. Aufklärung ist immer Selbstaufklärung durch Tätigsein in einem geeigneten sozialen Umfeld.

Warum schreibe ich dann eigentlich solche langen Texte? Nun, keinesfalls als Belehrung, sondern als Angebot zur Diskussion und als Einladung zu unseren Treffs …

 


[1] Freidenker 4/12, Seite 5
[8] Arthur Schopenhauer (Autor), Julis Frauenstädt (Hrsg.): Aus Arthur Schopenhauers handschriftlichen Nachlaß. Leipzig 1864, S. 5.
[9] Freidenker 4/12, Seite 8
[10] MEW Bd. 20, Seite 6, Dietz Verlag Berlin 1972
[11] Freidenker 4/12, Seite 12
[12] Freidenker 4/12, Seite 14

In: Sächsischer Freidenker, Nr. 45, März 2013

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 15. März 2013 um 15:17 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein, Weltanschauliches abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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