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«Le siècle des lumières – das Zeitalter der Lichter»

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Autor: Dr. Horst Schild

Ein kurzer Überblick zur Epoche der französischen Aufklärung[1]

Mit „Aufklärung“ wird gemeinhin jene geistige Bewegung des 18. Jahrhunderts beschrieben, die ihre Impulse aus den ökonomischen, sozialen und politischen Bestrebungen des dritten Standes in der Periode der Emanzipation des Bürgertums von den Fesseln der feudalabsolutistischen Ordnung empfing. In der politischen Hülle des Feudalabsolutismus reifte unaufhaltsam die neue bürgerliche Gesellschaft heran und entwickelte sich. Aufklären hieß im Selbstverständnis, ein Licht in die überkommene Dunkelheit der Unwissenheit, der Vorurteile und des Aberglaubens zu bringen. Immanuel Kant bestimmte die Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Mit Vernunft gegen feudale Ideologie und religiöse Vorurteile

Die übergreifenden Ziele der Aufklärung bestanden in der Kritik der feudalen Ideologie, des religiösen Denkens und der religiösen Vorurteile, im Kampf für Glaubensfreiheit, für Freiheit des wissenschaftlichen und weltanschaulichen Denkens, im Kampf für Vernunft und gegen den Offenbarungsglauben, für die Wissenschaft und gegen die Mystik, im Kampf für die Forschung gegen jede Autoritätsgläubigkeit, im Kampf für Kritik gegen Apologetik. „Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen, alles sollte seine Existenz vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder auf die Existenz verzichten.“[2] Die Aufklärung verhalf in allen Wissensbereichen grundlegenden und richtungsweisenden neuen Erkenntnissen zum Durchbruch, sie stimulierte die Forschung in der Mathematik, den Naturwissenschaften und auf technischem Gebiet.

Die französische Aufklärung war nicht voraussetzungslos. Sie knüpfte an die progressiven Erkenntnisse ihrer Vorgänger an, entwickelte sie weiter und bekämpfte zugleich die ihnen eigenen konservativen Auffassungen, die sich als Stütze der (katholischen) Religion und anderer Apologien der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung erwiesen hatten. Einen offenen Kampf führte sie gegen die Philosophie des 17. Jahrhunderts, vor allem die metaphysischen rationalistischen Systeme von Descartes, Spinoza und Leibniz.[3] Hauptquelle der französischen Aufklärung, Vorbild und Anregung zugleich, waren indes nicht zufällig die Erkenntnisse der englischen Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts. Schließlich hatten die Engländer „ihre“ bürgerliche Revolution schon hinter sich gebracht. Zu nennen sind hier vor allem die empiristische Erkenntnistheorie John Lockes, der Skeptizismus, aber auch konsequente Atheismus von David Hume, die gegen die Moral der Offenbarungsreligion gerichtete englische Moralphilosophie (namentlich Shaftesbury), die naturwissenschaftlichen Arbeiten von Isaac Newton, mit denen eine Grundlegung der Aufklärungsphilosophie und methodische Basis des mechanischen Materialismus und des Deismus[4] gegeben waren, und schließlich Adam Smiths fundamentaler Beitrag zur Darstellung einer Nationalökonomie. Auch das in England beginnende Freidenkertum („Freethinker“) blieb nicht ohne Einfluss auf Frankreich.

Schlechthin gilt Frankreich als das „klassische“ Land der Aufklärung. Dort war die Kirche als sichtbarer Repräsentant der Religion mit den alten gesellschaftlichen Mächten, die sich selbst als „von Gottes Gnaden“ bezeichneten, besonders eng liiert. Schamlos, bis an die Grenzen des Erträglichen, wurden die unteren Schichten des Volkes von Adel und Geistlichkeit ausgepresst.

Vorboten der Aufklärung waren u. a. Jean Meslier und Pierre Bayle. Bayle vertrat die Meinung, dass ein Atheist ein ehrbarer Mensch sein kann, denn Menschen werden nicht durch den Atheismus, vielmehr durch den Aberglauben und den Götzendienst entwürdigt. Er stellte das Verhältnis von Glauben und Wissen zur Diskussion und konstatierte einen unversöhnlichen Gegensatz von Wissenschaft und Religion.

1721 erschienen die „Persische Briefe“ von Charles de Sécondat Montesquieu. Sie waren eine glänzende und vernichtende Satire auf den Absolutismus und auf die kirchliche Intoleranz, hinter der sich ein ernster und radikaler Angriff auf die Grundlagen der spätfeudalen Gesellschaft verbarg.

Die Exponenten der französischen Aufklärung waren in ihrer weltanschaulichen und religiösen Ausrichtung keineswegs homogen – es gab philosophische Idealisten und Materialisten, wir finden Atheismus genauso wie Deismus. Doch wegen ihrer Auffassungen wurden sie häufig gemaßregelt, in der Bastille eingekerkert oder ins Exil getrieben, nicht selten wurden ihre Publikationen öffentlich verbrannt.

Von gewaltigem Einfluss in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Schriften von Francois-Marie Voltaire. Er führte eine hochkarätige, sich über ganz Europa erstreckende Korrespondenz. 1738 veröffentlichte er die „Elemente der Philosophie Newtons“. Damit propagierte er nicht nur das neue System der mechanischen Naturauffassung, sondern auch den erkenntnistheoretischen Empirismus. Voltaire setzte sich mit geschliffener Feder, nicht ohne beißenden Spott und Hohn für seine Gegner, leidenschaftlich für den Fortschritt der Vernunft und die theoretische Rechtfertigung einer den Bestrebungen der Bourgeoisie gerecht werdenden Gesellschafts- und Staatsordnung ein. Die den „natürlichen Eigenschaften“ des Menschen (d. h. des Bürgertums) entsprechende Ordnung werde sich aber erst im Verlauf der historischen Entwicklung, mit dem Sieg der Vernunft über die Unwissenheit und den Aberglauben durchsetzen. In religiösen Fragen war Voltaire Deist und Gegner des Atheismus. Aber ebenso entschieden wandte er sich gegen Kirche und Klerikalismus, gegen religiöse Intoleranz. „Ecrasez l’Infâme!“, „Zerschlagt die Infame!“ – so sein Wahlspruch.

Eine Sonderstellung innerhalb der französischen Aufklärung nimmt Jean-Jacques Rousseau ein (Hauptwerke: „Emil oder über die Erziehung“, „Vom Gesellschaftsvertrag“, beide 1762). Für Rousseau zeigt die Entwicklung der Menschheit vom Naturzustand bis zum gegebenen Gesellschaftszustand, dass nur eine Gesellschaft, in der es weder Arme noch Reiche, weder Beherrschte noch Herrschende gebe und in der der Allgemeinwille die Grundlage der politischen Macht sei und allen Menschen Glück und Wohlstand garantiere. „Der erste, dem es in den Sinn kam, ein Grundstück einzuhegen und zu behaupten: das gehört mir, und den Menschen fand, einfältig genug, ihm zu glauben, war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verbrechen, Kriege, Mordtaten, Scheußlichkeiten hätte der Mann dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen, den Graben eingeebnet und seinen Menschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, diesem Betrüger zu glauben. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde niemanden.’“[5] Rousseau stand den Fortschrittsideen der aufstrebenden Bourgeoisie skeptisch gegenüber und sympathisierte eher mit dem Kleinbürgertum. Auch hatte er wenig Verständnis für die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen seiner Zeit. Typisch sein „Zurück zur Natur!“ Schärfer als andere indes sah er die künftige Spaltung des dritten Standes aufgrund innerer Widersprüche voraus.

Materialismus und Atheismus

Den Durchbruch zum philosophischen Materialismus erreichte die Philosophie der französischen Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Damit wurde zugleich eine neue historische Stufe der Entwicklung des Materialismus erreicht, der freilich noch mechanisch und vorwiegend nicht-dialektisch blieb, in der Auffassung von der Gesellschaft idealistisch war, allerdings auch streng antitheologisch.1747 veröffentlichte Julien Offray de La Mettrie „Der Mensch als Maschine“. Claude Adrien Helvétius fasste die Ethik in seinem Werk „Vom Geist“ (1758) als Bestimmung der Bedingungen auf, unter denen das persönliche Interesse als notwendige Grundlage der menschlichen Existenz mit dem allgemeinen Wohl verbunden werden kann. Jede Philosophie, die neben oder hinter der Materie noch ein selbstständiges geistiges Prinzip sucht, brandmarkte er als Täuschung, Irrtum und Hirngespinst. Ebenso ist jede Art von Religion Täuschung, und zwar bewusste, absichtliche Täuschung, Priestererfindung, Priesterbetrug.

1770 erschien das „System der Natur“ von Paul Henri d’Holbach, die „Bibel“ des französischen Materialismus. Vertreten wird dort die Rückführbarkeit aller Naturerscheinungen auf verschiedene Bewegungsformen und eine ewige, unerschaffbare Natur. Bewegung ist der Materie immanent und ihr untrennbar verbunden, materielle Prozesse sind streng determiniert. Der Gedanke der Notwendigkeit bei Leugnung des Zufalls wird universell erfasst und auch auf den Menschen und die Entstehung seiner Empfindungen und Vorstellungen ausgedehnt, Bewegung und Veränderung der Dinge sind ewigen und unveränderlichen Gesetzen unterworfen. Die materialistische Naturauffassung ist mit der Annahme übernatürlicher Ursachen unvereinbar – es kann in der Natur nur natürliche Ursachen und Wirkungen geben.

Zum führenden Kopf der materialistischen Denker und auf derem linken Flügel avancierte Denis Diderot. Er führte die Auffassungen Holbachs weiter und bereicherte sie durch einige dialektische Elemente, etwa durch die Anerkennung der Universalität der Entwicklung. Über seine schriftstellerischen Arbeiten hinaus wurde Diderot besonders berühmt als Initiator und Herausgeber der „Encyclopédie“. Hierzu gewann er als Mitarbeiter zuerst seinen Freund Jean Baptiste le Rond d’Alembert, einen Mathematiker und Naturwissenschaftler, sowie nach und nach andere Autoren (die teils weniger bekannte Spezialisten, teils aber auch hochgeschätzte Leute waren, z. B. Montesquieu und Voltaire). Trotz erheblicher offiziöser Widerstände, Verbote, zeitlicher Unterbrechungen und des Ausscheidens von Mitarbeitern erschienen im Zeitraum von 1751-1780 insgesamt 28 Bände.  Die „Encyclopédie“ beginnt mit den Worten: „Das Zeitalter der Religion und der Philosophie ist dem Jahrhundert der Wissenschaft gewichen.“ Nicht bloß Spiegel und Nachschlagwerk analog eines heutigen Konversationslexikons sollte sie sein, sondern Nachweis des inneren Zusammenhangs und der Einheit des gesamten Wissens und Könnens der damaligen Zeit und Waffe gegen alles, was nach Ansicht der Enzyklopädisten als das Alte und Überholte galt. In den Artikeln spiegelte sich die cartesianische Physik genauso wider wie die naturwissenschaftlichen Werke Newtons und der materialistische Sensualismus[6] Lockes. Als Methode und Führer in der Erkenntnisgewinnung werden Experiment und Beobachtung favorisiert. Die Erfahrung, nicht zuallererst das abstrakte Denken, bilden den Ausgangspunkt der Erkenntnis. Die Geschichte wird, allerdings nahezu losgelöst von der ökonomischen Basis, als geistiger Prozess, als Fortschritt der Aufklärung und Erziehung der Menschen aufgefasst. Der Wert der menschlichen Persönlichkeit besteht in ihrer Fähigkeit, die Welt zu erkennen und ihren Bedürfnissen gemäß zu gestalten. Der selbstständig denkende Mensch bedarf, um sittlich richtig zu handeln, keinerlei besonderer religiöser Motive.

Die „Encyclopédie“ darf – neben den Werken Voltaires und Rousseaus – als das wichtigste theoretische Werkzeug zur Vorbereitung der Französischen Revolution gelten.

Die Auffassungen der Aufklärer wurden nicht nur in Form von theoretischen philosophischen Abhandlungen und Artikeln dargelegt, sondern vielfach als polemische Schriften, Flugblätter, Pamphlete – in lebendiger scharfer Form, mit der Kraft der Überzeugung und spitzer publizistischer Feder. Auch in Romanform – etwa Voltaires „Candide“ oder Diderots „Rameaus Neffe“ und „Jacques der Fatalist und sein Herr“ – bzw. als Streitgedicht wurden die Ansichten unter das Publikum gebracht: „Schlagfertige, lebendige, talentvolle, geistreich und offen die herrschende Pfafferei attackierende Publizistik, … (die) auch in der Gegenwart der atheistischen Propaganda dienen kann“, wie Lenin anmerkte.[7]

Die Aufklärung war „der vorletzte Schritt zur Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung der Menschheit, der aber als der vorletzte darum auch noch einseitig im Widerspruch steckenblieb.“[8] Denn das Reich der Vernunft erwies sich nach dem Sieg der kapitalistischen Produktionsweise sehr schnell als das idealisierte Reich der Bourgeoisie. Die ewige Gerechtigkeit fand in der bürgerlichen Justiz ihren Niederschlag, lediglich als bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz. Der Vernunftstaat konnte nur als bürgerlich-demokratische Republik ins Leben treten. Bald auch gingen die Ideologen der Bourgeoisie daran, sich von den Ideen der Aufklärung zu distanzieren, sie in ihr Gegenteil zu verkehren, gar hinter sie zurück zu fallen. Ein Prozess, der auch gegenwärtig sichtbar anhält, dessen Zeitzeugen wir sind, aber als dessen Antipoden wir Freidenker uns auch begreifen.

Ideengeschichtlich hat die Aufklärung bis heute nicht an Bedeutung verloren.

Das Verständnis der Aufklärung trägt vielmehr dazu bei, eine entscheidende Etappe der geistigen und sozialökonomischen Entwicklung der Menschheit zu verstehen, aber auch dazu, die Abkehr der postrevolutionären Apologeten und Propagandisten der Bourgeoisie und die Ursachen für diesen Bruch zu erkennen.

In: Freidenker. Nr. 2-09


[1] Für die deutsche Aufklärung ist der Rahmen dieses Beitrags zu eng. Auf sie kann in einem späteren Artikel eingegangen werden.
[2] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“). In: Marx-Engels-Werke (MEW). Bd. 20. Berlin 1962, S. 16
[3] Vgl. Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie: In: MEW. Bd. 2. Berlin 1959, S. 132
[4] Mit dieser Auffassung wird zwar Gott als Urgrund der Welt angenommen, aber die Möglichkeit eines göttlichen Eingreifens in den Lauf der einmal bestehenden Welt verworfen. Wunder und auch Offenbarung werden abgelehnt. Die Vernunft wird als die eigentliche Quelle religiöser Wahrheit angesehen.
[5] J.-J. Rousseau: Discours über die Ungleichheit. In: Paul Sakmann: Die Krisis der Kultur. Auswahl aus Rousseaus Werken. Leipzig 1931, S. 88. Engels sieht in dieser Arbeit dialektische Ansätze bei Rousseau (vgl. Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“) a. a. O., S. 19
[6] Erkenntnistheoretische Position, nach der die Sinneswahrnehmung oder –empfindung die alleinige Quelle der Erkenntnis ist. J. Locke: „Es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war.“ Also Abhängigkeit aller Wissensformen von der Erfahrung, von den Empfindungen, die auf höherer Stufe in Denkformen gewandelt werden
[7] W. I. Lenin: Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus. In: Werke. Bd. 33. Berlin 1972, S. 216
[8] Friedrich Engels: Die Lage Englands: In: MEW. Bd. 1. Berlin 1958, S. 550

Dr. Horst Schild, Dresden

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 15. März 2013 um 15:34 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Religionskritik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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